Vielen Dank für 75 Jahre Treue und Engagement!
Im Dezember 2025 besuchte der 1. Bevollmächtigte den Kollegen Karl Heinz Zoll, um ihm persönlich für sein Gewerkschaftsjubiläum zu gratulieren.
Karl Heinz wurde 1932 geboren. Von 1946 bis 1949 machte er eine Ausbildung als Schneider.
Ab 1955 war er bis 1961 Mitglied des Betriebsrats sowie von 1961 bis 1964 Vorsitzender des Betriebsrats bei der Bayerischen Bekleidungswerke AG hier in Aschaffenburg.
1965 wurde Karl Heinz hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär und kümmerte sich um die Belange der Beschäftigten. Knapp 15 Jahre war Karl Heinz Geschäftsführer der Gewerkschaft Textil und Bekleidung (GTB) in Aschaffenburg und kämpfte für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.
1994 ging Karl Heinz in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Engagement blieb jedoch bestehen, so unterstützte er viele Kolleginnen und Kollegen als Versichertenberater für die Deutsche Rentenversicherung bis 2017.
Lieber Karl Heinz, wir wünschen Dir weiterhin alles Gute und viel Gesundheit!
Ein Auszug aus dem Gespräch mit Karl Heinz Zoll:
(in Monika Schmittner: Es kämpft sich nicht schlecht, für Arbeit und Recht, Alibri Verlag, 2016)
Wie bist du zur Gewerkschaft gekommen, und wie hast du die Entwicklung am bayerischen Untermain erlebt?
Mein Vater war Heimschneider, und ich musste schon als Junge und später als Jugendlicher zu Hause mitarbeiten, auch während meiner Lehrzeit. Den Sinn für Gerechtigkeit habe ich in meiner Familie mitbekommen. Ich engagierte mich früh im Katholischen Werkvolk, aus dem später die Katholische Arbeiterbewegung (KAB) hervorging. Die Katholische Soziallehre hat mich inspiriert, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es am Untermain sehr viele Heimschneider. Im Archiv der GTB sind für das Jahr 1905 in der Region um Aschaffenburg 2.100 Heimschneider verzeichnet. Die Heimschneider waren wegen ihrer Abhängigkeit von den Handelsfirmen schon früh gewerkschaftlich organisiert. Es gab in Aschaffenburg 1912 den ersten Tarifvertrag nach einem Streik. Bis zum Jahr 1912 waren die Heimarbeiter recht- und schutzlos ihren Auftraggebern ausgeliefert. Aus den familiären Heimschneiderbetrieben wurden Zwischenmeister, und daraus entwickelten sich Bekleidungsfirmen. Die Bekleidungsindustrie wuchs in unserer Region nach dem Krieg rasch bis in das Jahr 1979; da waren in der Region 22.100 Arbeitnehmer in der Bekleidungsbranche beschäftigt, in ganz Unterfranken rund 32.000 Arbeitnehmer.
Von den Ursprungsfirmen, wie die Aschaffenburger Bekleidungswerke, Vordemfelde, Geißler, Weidemann, Kastell, Desch, Boll, Kuhn, Basler und Dressler haben nur wenige überlebt. Der Hauptgrund für den Niedergang der ganzen Branche waren nicht, wie manchmal fälschlicherweise behauptet wird, die Löhne und Vergütungen. Die lagen schon immer rund 30 % unter dem Tarifniveau der Metallindustrie und berücksichtigten im besonderen Maße die wirtschaftliche Lage der Unternehmen. Die Eigenkapitalschwäche, der sehr geringe Mechanisierungs- und später Automatisierungsgrad haben im Wesentlichen viele Betriebe zur Aufgabe oder zur Verlagerung ihrer Produktion gebracht.
Wie hast du den Integrationsprozess der GTB in die IG Metall erlebt?
Anfang der 1980er Jahre nahm der Konkurrenzkampf in der Textil- und Bekleidungsindustrie erheblich durch Unternehmen in den südeuropäischen und osteuropäischen Ländern zu. Die Textilindustrie entwickelte Automatisierungsschritte, während die Bekleidungsindustrie begann, zunächst die Nähereien und später die Komplettfertigung in Niedriglohnländer zu verlagern. Jugoslawien, heute Kroatien, Süditalien, aber auch Portugal waren die damaligen Standorte, heute sind es vor allem asiatische Länder. Die Textilindustrie konnte sich in Bayern behaupten und wurde stärker. In unserer Region sind die beiden Firmen Kunz in Aschaffenburg- Obernau und Fehrer in Kitzingen zu nennen. Kunz fertigt Schaumstoffprodukte, vor allem als Dämmmaterial im Autoinnenraum und Fehrer Autositze und Komponenten. Stolz können wir heute auf die Entwicklung des Airbags in unserer Region sein, die eine Leistung der Petri-Ingenieure und der Bekleidungsfrauen war. Inzwischen wird der Airbag nicht nur im Fahrzeuginnenraum, sondern in den Stoßfängern als Fußgängerschutz, in Motorrädern, ja sogar in Fahrradhelmen eingesetzt.
Viele Beschäftigte sind in den 1980er und 1990er Jahren in die Betriebe der Automobilzulieferung oder der Elektro- und Elektronikindustrie gewechselt, wo sie ihre erworbenen Fähigkeiten einsetzen konnten.
1996/1997 begannen die Gespräche zwischen der IG Metall und der GTB, weil es zwischen diesen beiden Gewerkschaften durch die Nähe der Textilindustrie zur Autoindustrie die größten Berührungspunkte gab. 1998 wurde die Integration vollzogen, am bayerischen Untermain gab es noch rund 4.000 Beschäftigte. Ende 2015 waren es nur noch rund 1.500 in einigen wenigen Unternehmen, vorwiegend im Vertrieb und in der Verwaltung.
Die Integration in Unterfranken hat mein Nachfolger Claus Plängsken mitorganisiert. Es wurde sichergestellt, dass die Beratung und Unterstützung, aber auch die Verhandlungen und Durchsetzung von Tarifverträgen für die Branchen Textile Dienste, Textilindustrie und Bekleidungsindustrie dauerhaft gewährleistet sind. Aber auch im Heimarbeitsausschuss beim Bundesarbeitsministerium, der die Empfehlung zur Anpassung der Rechtsverordnung für die Arbeitsbedingungen der Heimarbeiter gibt, ist die IG Metall Aschaffenburg (vor 1998 die GTB) vertreten.
Das Gespräch mit Karl Heinz Zoll führte Herbert Reitz im März 2016.